CAQ AG Factory Systems
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Interview mit Florian Schwarz
Vorstandsvorsitzender (CEO)

Exklusiv-Interview mit Automobil Produktion: "Reine Normerfüllung führt nicht an die Spitze"

Qualität als reine Bringschuld der Lieferanten? Dieser durchaus noch verbreiteten Praxis auf OEM-Seite stellt sich ab Mitte September 2018 die neue Norm IATF 16949 in den Weg. Florian Schwarz, Vorstand des Qualitätsmanagement-Systemherstellers CAQ, rät dazu, aus der Not eine Tugend zu machen: Aktion statt Reaktion lautet die Empfehlung.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Schwarz, die Zahl der Rückrufe steigt weiter kontinuierlich. Was läuft da bei den OEMs und ihren Zulieferern falsch in Sachen Qualitätsmanagement?

Die Prozesse und Lieferketten werden immer komplexer und internationaler, die Variantenvielfalt bei den Fahrzeugen und die Anzahl elektronischer Komponenten nimmt zu. Damit steigt auch die Anzahl möglicher Störquellen. Und durch die Medienlandschaft heute wird natürlich auch viel schneller bekannt, wenn was schief läuft.

Die Ursachen haben aber wesentlich auch mit dem Qualitätsverständnis und –management der Automotive-Industrie selbst zu tun. Wir erleben das heute noch, dass ganz viel mit Excel, Word und irgendwelchen schlecht gewarteten oder nicht gewarteten Tools im Qualitätsmanagement gearbeitet wird und da wenig Standards vorzufinden sind.

Der Druck zur Einhaltung von Qualitätsstandards, Normen und bestimmten Spezifikationen in der Automobilbranche ging eigentlich historisch hauptsächlich von den Automobilherstellern aus – als Selbstverpflichtung nach unten in Richtung ihrer Zulieferer. Das heißt: je weiter hinten der Lieferant in der Lieferkette rangiert, desto wichtiger war es, die Standards einzuhalten. Es gab bisher wenig Handlungsdruck in Sachen Q-Standards durch staatliche Institutionen, Behörden, Verordnungen und Gesetze - hier passiert zunehmend mehr.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ab dem Stichtag 14.09.2018 verlieren die bisherigen Zertifikate nach ISO/TS 16949 ihre Gültigkeit, die Norm IATF 16949 wird verbindlich. Welche Konsequenzen sind damit für Automobilzulieferer verbunden?

Bisher konnte ein Hersteller die Verantwortlichkeit für das Qualitätsmanagement wesentlich leichter auf Subunternehmen und auch die Lieferanten abwälzen. Das ändert sich jetzt, weil die Verantwortlichkeit immer direkt an oberster Stelle gesehen wird. Durch die IATF 16949 entsteht eine wesentlich stärkere Verpflichtung auch der OEMs, beispielsweise zur Validierung von elektronischen Komponenten.

Eine weitere Konsequenz betrifft die Traceability, also die Rückverfolgbarkeit. Zukünftig reicht es nicht mehr aus zu sagen, ich kaufe das Bauteil X bei dem Lieferanten Y, sondern ich brauche auch entsprechende Zertifikate und muss überprüfen, dass der Lieferant das auch alles richtig einhält. Eine Wareneingangsprüfung gibt es natürlich schon immer. Aber es wird wichtiger, die ganze Lieferkette nachzuweisen und das nicht einfach als Bringschuld auf den Lieferanten abzuwälzen, sondern sich selbst damit zu beschäftigen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was bedeutet das konkret für eine zukunftsfähige Software im Bereich Qualitätsmanagement?

Im Rahmen der Traceability spielen die Datentransparenz und Verfügbarkeit der Daten eine zentrale Rolle. Wer in seiner Dokumentation noch Aktenordner mit Papieren wälzen muss, hat überhaupt keine Chance bei Fehlermeldungen zu erkennen ob, wo genau und in welchem Umfang beispielsweise ein Rückruf zu veranlassen ist.

Bereich der Prozesssteuerung wird immer wichtiger

AUTOMOBIL PRODUKTION: Nun muss das Thema Produktqualität auch mit dem digitalen Wandel in den Fabriken korrespondieren. Wie geht das?

Der Bereich der Prozesssteuerung wird immer wichtiger und da ist in der Automobilindustrie noch ganz viel Luft nach oben. Gefordert ist ein Wandel von Qualitätssicherung hin zum Qualitätsmanagement. Die Smart Factory befördert dies, weil durch dieses Konzept die Maschinen und Werkzeuge selbst immer intelligenter werden. Das heißt, die Qualitätsprüfung, das Sicherstellen von Toleranzen und Ähnlichem passiert immer mehr in den Maschinen, in der Linie. Die Vernetzung all dieser technischen Datenlieferanten muss in ein intelligentes Qualitätsmanagement zur Überwachung, Steuerung und Optimierung der Prozesse münden.

Und mit Prozessen ist auch die Integration der gesamten Lieferkette gemeint. Entsprechend werden auch Auftragsformate immer wichtiger. Es geht darum, die Daten der Lieferanten, deren Prüfzertifikate und auch die Prüfdaten der Zulieferteile in einem standardisierten Format zur Verfügung zu stellen. Da ist die Automobilindustrie schon an einigen Stellen sehr weit. Die Praxis zeigt aber, dass die Nutzung der existierenden Standardformate - etwa für Prüfberichte - heute noch sehr gering ausfällt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gilt auch bei Daten: Viel hilft viel?

Sicherlich kann es auch ein Zuviel der Daten geben. Es gilt, die Datenvolumina zu filtern und selektiv herauszufinden, was wirklich wichtig ist. Aber eines der Hauptprobleme ist nicht die Datenfülle, sondern die falsche Erfassung von Daten. Viele Leute denken, digital bedeute papierlos und am Ende werden die Daten dann als pdf-Datei abgelegt. Das macht sie aber nutzlos für eine effiziente Auswertung. Der erzielbare Fortschritt besteht darin, die Prozesse so zu ändern, dass die Daten in maschinenlesbarer Form vorliegen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Cloud-Services?

Cloud-Services werden essenziell, um den Datenaustausch zwischen Lieferant und Kunde unkompliziert und mit einem hohen Wirkungsgrad operativ einzurichten.

Vielen Lieferanten wird heute noch das Leben dadurch sehr schwer gemacht, dass jeder OEM und jeder Hersteller ein eigenes System hat, das angebunden werden muss und an das die Daten gemeldet werden müssen. Dies führt zu einer riesengroßen Menge an verschiedenen Systemen, die bedient werden müssen. Das macht es für den Lieferanten sehr aufwändig und unnötig teuer.

In der Praxis treffen wir heute häufig auf unternehmensintere Clouds. Die werden zwar oft extern gehostet, bleiben aber gewissermaßen in der internen Corporate-Welt. „Private“ Qualitätsdaten sind ja auch sehr sensible Daten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was macht den Unterschied zwischen Pflicht und Kür im Qualitätsmanagement?

Ein qualitativ hochwertiges Produkt entspringt letztlich dem Selbstverständnis eines Herstellers als Premiumanbieter. Mit reiner Normerfüllung wird sich ein solcher Anspruch schwerlich umsetzen lassen. Qualitätsmanagement muss auch verstanden werden als ein Instrument, eine Wettbewerbsposition nicht nur zu halten sondern aktiv zu verbessern.

Diese Erfahrung machen Unternehmen, die Prozesse, Qualitätsmanagementtools und Werkzeuge nicht aus rein regulatorischer Verpflichtung heraus implementieren, sondern aus einem Selbstverständnis und aus einem eigenen Qualitätsanspruch.

Und das wird mit den neuen Normen und mit deren Revisionen immer wichtiger. Denn sie geben zwar vor, dass Prozesse gesteuert und dokumentiert werden müssen, lassen aber inhaltlich mehr Spielraum, wie man ein Problem löst oder wie man einen Prozess steuert.

Genau hier wird aus unserer Sicht in der Automobilbranche ein Wandel eintreten müssen: Das Qualitätsthema nicht mehr als notwendiges Übel sehen, sondern sich als Unternehmen selbst darauf verpflichten. Wenn man sich mit den Regelwerken beschäftigt, stellt man fest, dass ihre Anwendung einen großen Beitrag für den Unternehmenserfolg eröffnen kann.

Schnittstellen sind der allerwichtigste Punkt

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was kann der Automobilbau von anderen Industriebranchen in Sachen Qualitätsmanagement lernen?

Die Automobilindustrie ist zweifellos sehr stark in der Qualitätssicherung. Vorbildlich in Sachen Qualitätsmanagement sind in unserer Wahrnehmung die Branchen Life-Science, Medizintechnik, Pharma und die Lebensmittelindustrie. In diesen FDA- regulierten Branchen ist es nahezu unmöglich, ohne ein QM-Softwaresystem zu arbeiten.

Was validierte System angeht, sind die sehr weit fortgeschritten und auch die Anforderungen an die Traceability sind wesentlich höher. Aber das gleicht sich immer mehr an. Viele Features, die wir für die Lebensmittelindustrie und die Medizintechnik zum Beispiel in der Risikoanalyse schon lange anwenden werden jetzt auch immer wichtiger im Automotive-Bereich. Das heißt, auch da wird sich mit der neuen IATF 16949 und der Angleichung von VDA und AIAG im Bereich der FMEA einiges verändern.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was ist seitens der Software wichtig, um ein möglichst zukunftsfähiges Qualitätsmanagement auf die Beine zu stellen?

Die Schnittstellen sind der allerwichtigste Punkt. Das fängt beim ERP-System an, geht über direkte Anbindung an Produktionsmaschinen und natürlich Messmaschinen, Messmittel und bezieht sogar die Anbindung zu HR-Software mit ein. Idealerweise lassen sich mehrere ERP oder MES-Systeme auch innerhalb eines globalen Produktionsnetzwerks einbinden.

Ein weiterer Punkt für die Zukunftssicherheit ist die Benutzeroberfläche. Ein Softwaresystem sollte im Idealfall genau null Tage Schulung benötigen, weil es so intuitiv bedienbar ist. Ein dritter Punkt sind natürlich Human Machine Interfaces, mit denen man die Realität um digitale Informationen erweitern kann – zum Beispiel Augmented Reality.

AUTOMOBIL PRODUKTION: An welchen Zukunfts-Projekten arbeiten ihre Entwickler derzeit?

Augmented Reality ist hier ein gutes Stichwort. Genau in diese Richtungen gehen einige unsere Entwicklungsanstrengungen. Ein anderes Projekt, das gerade seinem Abschluss entgegen geht, betrifft Machine-Learning und Artificial-Intelligence im Bereich der Messdatenanalyse.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was hat das mit Qualitätssicherung zu tun?

Da geht es um die Messdatenanalyse. Wir gehen da aber einen Schritt über die Vorgaben der Normen hinsichtlich Verteilungsmodelle und Trenderkennungsalgorithmen und ähnliches hinaus und analysieren diese Daten mit künstlicher Intelligenz und Machine-Learning. Dadurch können wir in den Messdaten Muster erkennen, welche die klassischen Algorithmen gar nicht erkennen können. Wir können also schon vorzeitig einen Trend erkennen, werden aufmerksam, wenn bei der Dateneingabe irgendetwas schief oder nicht plausibel läuft. In diese Richtung geht es auch weiter. Das sind alles Punkte, die aus unserer Sicht für die Zukunftssicherheit von QM-Software sehr relevant sind.


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